Wie denken Beschäftigte über längere Arbeitszeiten?

Wie denken Beschäftigte über längere Arbeitszeiten? – In Zukunft sollen Beschäftigte die Möglichkeit haben, länger und flexibler zu arbeiten. Wem das zugutekommt, ist aber unklar. Wird der klassische Acht-Stunden-Tag trotzdem zum Auslaufmodell?

Wie denken Beschäftigte über längere Arbeitszeiten

Beschäftigte sollen künftig flexibler und länger arbeiten dürfen, auch über acht Stunden hinaus. Nach eigener Aussage geht die Bundesregierung mit ihren Plänen auf die Wünsche der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer nach flexibleren Arbeitszeiten ein.

In der Tat begrüßt die Wirtschaft durchaus längere Arbeitszeiten. Aber wie denken Beschäftigte darüber? Und was hätten sie davon, länger zu arbeiten?

Anreize für längere Arbeitszeiten möchte die Bundesregierung durch steuerfreie Zuschläge für Überstunden setzen. Die Frage ist aber, ob Arbeitnehmer zu mehr Arbeit bereit sind und ob die Rechnung unterm Strich für die Arbeitgeber aufgeht. Zumal gar nicht klar ist, wem die Pläne eigentlich zugutekommen.

Unklare Ausgangslage

Die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag zeigte, dass die Datenlage Lücken aufweist. So kann die Bundesregierung derzeit keine genauen Angaben dazu machen, wie viele Arbeitnehmer Überstundenzuschläge bekommen.

In welchen Branchen solche Zuschläge gezahlt werden und wie hoch diese ausfallen, ist ebenfalls nicht bekannt.

Etwas mehr Aufschluss geben da schon die aktuellen Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach können über 90 Prozent der in Vollzeit Beschäftigten in ihrem Betrieb zwar Überstunden machen.

Aber nur 14 Prozent von ihnen wissen genau, dass sie sich die Überstunden mit Zuschlägen auch auszahlen lassen können. Laut Koalitionsvertrag wären diese Überstundenzuschläge dann steuerfrei.

Mehrheit für klar begrenzte Arbeitszeit

Mehr Klarheit herrscht bei der Frage nach der Motivation. So fällt die Reaktion auf die Forderung nach längeren Arbeitszeiten eher zurückhaltend aus.

Ein gutes Drittel der Befragten wären laut IAB grundsätzlich dazu bereit, hin und wieder mehr als zehn Stunden täglich zu arbeiten. Undenkbar sind lange Arbeitszeiten pro Tag also nicht.

Aus den Daten ergibt sich aber auch, dass schon jetzt jeder dritte Vollzeitbeschäftigte gelegentlich nach zehn Arbeitsstunden keinen Feierabend macht. In Ausnahmefällen ist das auch erlaubt, denn im Gesetz sind flexible Regelungen bereits ausdrücklich verankert.

Trotzdem plant die Regierung, die maximale Arbeitszeit von acht Stunden täglich durch eine Höchstarbeitszeit pro Woche zu ersetzen.

Dieser Plan stößt auf verhaltene Begeisterung. 84 Prozent der befragten Arbeitnehmer erklärten, dass eine klare Begrenzung der täglichen Arbeitszeit ein wichtiger Schutzmechanismus vor Überarbeitung ist.

Folglich lehnt es die Mehrheit ab, die Begrenzung der Arbeitszeit pro Tag aufzuheben. Selbst die Beschäftigten, die mehr arbeiten würden, sprechen sich mehrheitlich für klare Grenzen bei der täglichen Arbeitszeit aus.

Interesse an Mehrarbeit bei einzelnen Berufsgruppen

Eine Bereitschaft zu Mehrarbeit ist in Teilen vorhanden. Wie die IAB-Daten zeigen, sind die geplanten Steuervergünstigungen vor allem für jüngere Arbeitnehmer attraktiv.

So wäre mehr als die Hälfte der Beschäftigten unter 40 Jahren bereit, noch mehr Überstunden zu machen, wenn es steuerfreie Überstundenzuschläge gäbe.

Insgesamt würden 45 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten angesichts von Steuervorteilen mehr arbeiten.

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Der Wunsch nach längeren Arbeitszeiten ist aber nicht neu. Ein Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2024 ergab, dass vor allem Mütter, Minijobber und Männer in der Altersgruppe zwischen 18 und 28 Jahren gerne ihre Arbeitszeit erhöhen würden.

Trotzdem ist der Trend zur sogenannten Unterbeschäftigung aber rückläufig.

Experten sehen vor allem bei geringfügig Beschäftigten das größte Potenzial, um die Arbeitszeiten auszuweiten. Eine gezielte Förderung macht vor allem dort Sinn, wo die Grenze zum Minijob überschritten wird. Denn hier sind die finanziellen Hürden besonders hoch.

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Längere Arbeitszeiten vs. strukturelle Hindernisse

Steuerliche Vorteile können eine Chance sein, um Arbeitnehmer zu Mehrarbeit zu motivieren. Denn derzeit möchten auch deshalb viele Beschäftigte nicht mehr Überstunden machen, weil sie durch die hohen Abgaben am Ende kaum etwas davon haben.

Geringere Abgaben könnten folglich die Bereitschaft zur Ausweitung der Arbeitszeit erhöhen. Möglicherweise könnte das dann auch dazu beitragen, den Fachkräftemangel und die Folgen des demografischen Wandels etwas abzufedern.

Aber ungeachtet aller Anreize geht es bei Mehrarbeit nicht nur um das Wollen, sondern auch um das Können. Ein Knackpunkt an dieser Stelle ist zum Beispiel die Kinderbetreuung.

In der klassischen Rollenverteilung ist es für Männer leichter möglich, mehr zu arbeiten.

Fehlt es an Kita-Plätzen, können Mütter hingegen nicht ohne Weiteres mehr Überstunden machen und die Doppelbelastung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, wird für sie noch größer.

Ein weiterer Aspekt sind die gesundheitlichen Auswirkungen von langen Arbeitszeiten.

Um die Gesundheit der Beschäftigten nicht zu gefährden, müssten die Arbeitszeiten bei Mehrarbeit konsequent erfasst, den Arbeitnehmern mehr Mitspracherechte bei der Arbeitszeitgestaltung eingeräumt und die Ruhezeiten strikt eingehalten werden.

Solche Forderungen kommen sogar direkt aus den Reihen der Union. So hat der Arbeitnehmerflügel CDA in einem Beschluss darauf hingewiesen, dass das Arbeitszeitgesetz nicht zu stark aufgeweicht und eine Flexibilisierung nicht zulasten der Arbeitnehmer gehen dürfe.

Bei vielen Tätigkeiten können flexible Arbeitszeitgrenzen mit Nachteilen und Risiken verbunden sein, wenn sie die Ruhezeiten aushebeln. Das gilt zum Beispiel in der Pflege, im Bauwesen oder in der Gastronomie.

Deshalb sind präzise Regelungen notwendig, die einerseits Flexibilität zulassen, andererseits aber die Einhaltung der Schutzrechte gewährleisten.

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Noch sind also viele Fragen offen und etliche Hürden zu nehmen. Ein endgültiger Abschied vom altbewährten Acht-Stunden-Tag wird deshalb wohl länger dauern und schwerer fallen als gedacht.

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Torben Steuer, - Personaler, Martin Bachmann, - Inhaber einer Zeitarbeitsagentur, Martina Schulz, - Bewerbungs- und Personaltrainerin, Christian Gülcan, - Unternehmer, mehrfacher Gründer, Arbeitgeber und Betreiber dieser Webseite, sowie Performance Recruiter bei Mitarbeiterwerk, Ferya Gülcan, - Unternehmerin & Arbeitgeberin, schreiben hier Wissenswertes, Ratgeber und Tipps zum Thema Jobs, Weiterbildung, Berufe, Bewerbungen und die Jobsuche.

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